Rüdiger Rossig: „Die Aussagen waren einfach zu dämlich“

Ein zerstörtes Partisanen-Denkmal in Rama-Prozor/Bosnien-Herzegowina (Foto: Rüdiger Rossig)

Ein zerstörtes Partisanen-Denkmal in Rama-Prozor/Bosnien-Herzegowina (Foto: Rüdiger Rossig)

Am 22. Februar 2017 läuft erstmals auf ARTE die Dokumentation „Bosnien und Kosovo – Europas vergessene Protektorate“. Die EU hat seit Ende der Balkankriege Milliarden in die ex-jugoslawischen Länder Bosnien-Herzegowina und Kosovo investiert, um Demokratie und Marktwirtschaft zu fördern und zu etablieren. Der Berliner Journalist Rüdiger Rossig und Regisseur Zoran Solomun bereisen 2016 diese beiden EU-Protektorate. Was sie 21 bzw. 17 Jahre nach Ende der Kriege vorfinden, sind Korruption, Armut, Rechtspopulismus und nationalistisch geprägte Politik, welche ein Vorankommen erschweren, bzw. komplett verhindern. Die Folge: Immer mehr gut ausgebildete junge Bürger wandern aus. Die Internationale Gemeinschaft macht für das Scheitern gerne die Bevölkerung des Landes selbst verantwortlich. Balkanblogger durfte den Film vorab sehen. Im Gespräch erzählt Rüdiger Rossig, weshalb die EU und UN für die Probleme in beiden Ländern mit verantwortlich sind und wie sie behoben werden könnten.

Rüdiger Rossig in Sarajevo 2016 (Foto: Oscar Stiebitz)

Rüdiger Rossig in Sarajevo 2016 (Foto: Oscar Stiebitz)

  • Das Problem des europäischen und internationalen Scheiterns in der Entwicklungspolitik in Bosnien-Herzegowina und Kosovo ist schon länger bekannt bzw. ein offenes Geheimnis. Es wurde allerdings kaum darüber berichtet. Wie lange hat es gedauert, ein Medium zu finden, der Euren Film zeigen würde?

Ein gutes halbes Jahr von Angebot bis Zuschlag bei ARTE. Wir haben es auch bei anderen TV-Stationen im In- und Ausland versucht – leider ohne Erfolg. Insgesamt interessieren sich nicht mehr viele Medien für das Thema Balkan.

  • Wie lange habt Ihr die Doku gedreht?

Gedreht haben wir zwei Wochen in Bosnien und zwei im Kosovo.

  • Hat es lange gedauert, die europäischen und internationalen Vertreter vor die Kamera zu bekommen?

Die Zeiträume von Anfrage bis Zusage bei den Vertretern der internationalen Institutionen und Organisationen waren erträglich. Viel schwieriger war es, lokale Politiker vor die Kamera zu bekommen. Da haben wir ein paar Absagen erhalten und einige Herrschaften haben sich auch gar nicht zurück gemeldet. Letztendlich war das gar nicht so schlimm, weil wir die Interviews, die wir führen konnten, nicht in den Film aufgenommen haben: Die Aussagen waren einfach zu dämlich.

  • Im Film hat man manchmal das Gefühl, dass einige Vertreter den Balkan gar nicht ernst nehmen. Musstet Ihr Euch bei ihren Aussagen zusammenreissen?

Ja, und zwar bei den Vertretern der internationalen Gemeinschaft UND bei denen der lokalen Machteliten!

  • Es ist schwer, dass im Land was vorangeht, denn offiziell gilt die Entwicklungspolitik als „erfolgreich“, so lange nicht „geschossen“ wird. Wie kann sich das Volk aus dieser Misere selbst helfen?
Das Kohlekraftwerk in Obilic/Kosovo ist eine schwerwiegende Belastung für Mensch und Umwelt (Foto: Rüdiger Rossig)

Das Kohlekraftwerk in Obilic/Kosovo ist eine schwerwiegende Belastung für Mensch und Umwelt (Foto: Rüdiger Rossig)

In Bosnien fürchte ich, dass die Bevölkerung das gar nicht kann: Die wirtschaftliche und soziale Lage ist deart schlecht, dass quasi alle BosnierInnen, die dazu in der Lage wären, mit Sozialarbeit beschäftigt sind – also damit, wenigstens den Allerärmsten Notfallhilfe zukommen zu lassen. Oder aber entweder schon ausgewandert, bzw. dabei sind, das zu tun.

In Kosovo liegen die Dinge anders. Da Inhaber kosovarischer Pässe aufgrund der Nicht-Anerkennung des Staates durch einige EU-Länder nicht frei reisen kann und in Kosovo zudem die jüngste Bevölkerung Europas lebt, staut sich dort immer mehr Ärger auf. Das kann durchaus zu politischen Organisationen und Aktionen führen. Die Frage ist, ob die politischen Akteure in Kosovo sich dabei auf die soziale Frage konzentrieren oder weiterhin auf die nationalistische Karte setzen.

  • Offiziell wird der Aussenwelt weisgemacht, dass der „starke“ Nationalismus an der Misere auf dem Balkan zuständig ist und nicht Dayton. Was war Eure Erfahrung nach dem zahlreichen Gesprächen mit der Bevölkerung?

Ivana Korajlic von Transparency International Banja Luka sagt das in unserem Film sehr schön: Sobald sich hier auf dem Balkan jemand auf nationale Interessen beruft, stehen dahinter persönliche und finanzielle Interessen.“ Der Nationalismus in Ex-Jugoslawien ist stark, weil dort seit 30 Jahren eine schwere wirtschaftliche und soziale Krise herrscht, Krieg war und nationalistische Eliten die Länder dort fest im Griff haben. Die Bevölkerung selbst ist nicht nationalistischer als in Deutschland, Österreich oder Polen.

  • Wie profitiert die europäische und internationale Gesellschaft von der aktuellen Situation in BiH und Kosovo? Ist sie gar nicht an einer Änderung interessiert?

Die europäischen und internationalen Institutionen dort sind Bürokratien – und die haben bekanntlich leider immer das Eigeninteresse, weiter zu bestehen. Daher befinden sich Bosnien und Kosovo heute, 21 bzw. 17 Jahre nachdem UN, EU usw. dort aktiv geworden sind, in der grotesken Situation, dass diejenigen Institutionen, die dort für Fortschritte in Richtung Rechtstaat, Demokratie, Menschenrechte usw. sorgen sollen, diesen am wenigsten wünschen. Denn wenn Bosnien und Kosovo funktionieren würden, wären sie dort überflüssig.

  • Was müsste passieren, dass eine Änderung eintritt bzw. was müsste sich in der Entwicklungspolitik ändern?
Die Kameramänner Zoran und Dusan Solomun vor einer ehem. kulturellen institution in Prijedor/Bosnien-Herzegowina (Foto: Rüdiger Rossig)

Die Kameramänner Zoran und Dusan Solomun vor einer ehem. kulturellen institution in Prijedor/Bosnien-Herzegowina (Foto: Rüdiger Rossig)

Sie müssten tatsächlich beginnen, im Sinne ihres politischen Auftrags zu arbeiten – nicht für eigene institutionelle Interessen. Ob das möglich ist, kann ich nicht beurteilen. Überhaupt finde ich es gelinde gesagt schwierig, wenn wir Journalisten gefragt werden, was in Krisensituationen besser gemacht werden könnte. Um diese Frage sollten sich eigentlich die zahlreichen hoch bezahlten Spezialisten in Brüssel, Berlin und den anderen Hauptstädten Europas und der Welt kümmern. Ich als Journalist könnte ihre Vorschläge in die Öffentlichkeit tragen und so helfen, Debatten dazu zu organisieren. Dazu müssten die Think Tanks der Regierungen und internationalen Organisationen aber erstmal Konzepte entwickeln, die über den Status Quo hinaus gehen – und genau das findet ja nicht statt.

  • Welche Organisationen haben Euch sehr beeindruckt?
Die Lokalen, etwa die bosnische Sektion von Transparency International, die Bürgervereinigung „Kvart“ in Prijedor, die Hilfsorganisation „Mladi voloneteri“ in Visoko, das unaabhänige Jugendzentrum in Gornji Vakuf/Uskopje, die Initiative der bei Balkan Sunflower aktiven Roma inObiliq/Obilic… Ich denke, in diesen zivilgesellschaftlichen Gruppen sind genau die Leute aktiv, die diese Länder eigentlich führen und dort den Ton angeben sollten. Insofern ist es klasse für die herrschenden Eliten, dass sie – also ihre potenziellen Konkurrenten – mit Sozialarbeit und Notfallhilfe beschäftigen müssen, statt politisch aktiv zu werden.
  • Was waren die schwierigsten Momente während den Aufnahmen?

Seit Ende der Kriege ist es weder schwierig noch gefährlich, auf dem Balkan zu Filmen oder sonstwie journalistisch zu arbeiten. Was immer wieder schwer zu ertragen ist: der Kontrast zwischen der wunderschönen Landschaft und den wunderbaren Menschen einerseits, sowie der immer offensichtlicheren Armut und den viel zu vielen nationalen Fahnen, Plakaten, Denkmälern und anderen Symbolen, mit denen die Herrschenden versuchen, diese Misere zu übertünchen.

  • Denkt Ihr, dass die EU ohne Südosteuropa/Balkan auf Dauer besten kann?

Sicher … Aber das würde nicht meine EU sein. Für die braucht es ganz Europa.

  • Weshalb ist der Balkan für Europa wichtig?

Der Balkan ist – ob uns das gefällt oder nicht – ein Teil Europas. Alles was in Ex-Jugoslawien, aber auch in Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Albanien usw. passiert, hat direkte Auswirkungen auf unser Leben in Zentral- und Westeuropa. Wer das nach Jugoslawienkriegen, Griechenlandkrise und Balkanroute noch immer nicht kapiert hat, sollte jetzt aber doch mal dringend einen Blick auf die Landkarte werfen.

  • Noch eine Frage zu Abschluss: Weshalb ist der Balkan eine Reise wert?

Weil es dort in jeglicher Hinsicht interessant ist: Die Region hat von Natur über Geschichte viel, viel, viel zu bieten, das uns interessieren sollte. Dazu gibt es dort wundervolle Musik, tolles Essen (besonders, wenn man nicht bei den Grillresaurants stehen bleibt) und nicht zuletzt wunderbare Menschen!

 

Rüdiger Rossig (Foto: Nihad Nino Pusija)

Rüdiger Rossig (Foto: Nihad Nino Pusija)

Der freie Journalist, Autor und taz-Redakteur Rüdiger Rossig ist seit den späten 1980-ern auf den Balkan spezialisiert. Er studierte Balkanologie am Osteuropainstitut der Freien Universität Berlin, sowie Südosteuropa-Studien und  Soziologie an der FU Berlin.

Seine Magisterarbeit schrieb er zum Thema Rockmusik, Rockkultur und Rockszene im sozialistischen Jugoslawien. 2008 Erschien sein Buch Ex-Yugos: Junge MigrantInnen aus Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten in Deutschland*. Sein Werk beschäftigt sich mit den sub- und jugendkulturellen Strömungen im ehem. Jugoslawien und ihren Einfluss in Deutschland. Der Balkan-Historiker, Jahrgang 1967, lebt heute in Berlin.

Mehr unter ruediger-rossig.de

 

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1 Antwort

  1. Katja Göggel sagt:

    Lieber Herr Rossig, warum sieht ein Journalist die Situation auf dem Balkan so klar, während die Politiker blind und taub sind? Sie haben das sehr gut gezeigt in Ihrem Artikel, viele Westeuropäer profitieren enorm von dem Zustand in Bosnien und Kosovo, die Leute, die in den Institutionen der Eu, NATO ,etc.arbeiten, bereichern sich enorm auf Kosten der Ex-Jugoslawen.Man müsste diese Profiteure alle davon jagen und die eingesparten Gelder dort investieren.
    Ihnen danke ich für den hervorragenden Artikel.
    Mit freundlichen Grüßen
    Katja Göggel

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