Boris Kralj: „MISS YUNIVERSE verkörpert das schöne Jugoslawien“

MISS YUNIVERSE (Foto: Boris Kralj)

MISS YUNIVERSE (Foto: Boris Kralj)

Die Sängerin Lepa Brena wälzt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, während sie „Ich bin Deine Sklavin“ trällert. Mit knappen und figurbetonten Klamotten bekleidet lässt sie sich von einem muskelbepackten Mann anketten, dem sie singend zuflüstert: „Ich liebe Dich.“ Würde heute so ein Video gedreht werden, hätte es keine Chance, nur einen Tag auf dem deutschen Markt zu überleben. Gleich mehrere feministische und emanzipierte Organisationen würden alles dafür tun, um es aus dem Verkehr zu ziehen.

Dieser Musik-Stil hat ganze Generationen in Jugoslawien geprägt. Die dramatische und schmerzerfüllte Mimik der Künstlerinnen, die über Herzschmerz, Liebe und Einsamkeit sangen, schrieben jugoslawische Musikgeschichte. Ihre Spots flimmerten in schlechter Bildqualität über jeden TV-Kasten während der achtziger Jahre. Die Mädchen wollten so tanzen wie sie, die etwas älteren kopierten den Kleidungsstil. Auch Männer litten bei den Liedern mit und ließen hemmungslos Tränen nach ein paar gekippten Sljivovitz über ihre geröteten Wangen laufen.

Nun widmet der Künstler und Fotograf Boris Kralj diesen jugoslawischen Sängerinnen ein Projekt, das er MISS YUNIVERSE nennt. Als Kind jugoslawischer Gastarbeiter faszinierten auch ihn diese Frauengestalten, deren Lieder eine Verbindung zur Heimat darstellten. Den Betrachter erwarten 20 Prints aus den Videos – schaurig schön und leblos ohne Ton. Im Interview erzählt Boris Kralj, wie er auf die Idee zu diesem Projekt kam und wie die jugoslawischen Sängerinnen ihm zur seiner Berufswahl verhalfen.

Wie kommt man auf so eine abgefahrene Idee?

Ich habe auf dem Dachboden meiner Eltern eine Kiste voller VHS Kassetten entdeckt. Auf denen hatte mein Vater viele Jugo-Sendungen und Video Clips in den 80ern aufgenommen. Er war einer der ersten, der einen portablen VHS Rekorder in den 80ern besaß. Immer wenn wir in Jugoslawien waren nahm er viele Musiksendungen auf, die er in Deutschland Freunden und Bekannten zeigte.

Für mich war das Sichten des Material und die damit verbundene Reise zurück in meine Kindheit sehr emotional. Ich kannte jede dieser Sängerinnen und alle Lieder. So machte ich ein sehr persönliches Kunstprojekt daraus. Zum einen waren diese Sängerinnen glamourös und zum anderen machten sie meine Eltern und ihre Freunde trauriger, weil sie sehr pathetisch in ihren Texten und ihrer Musik waren.

 

Denkst Du, dass die Sängerinnen auf dem Balkan dramatischer auftraten als in Deutschland?

Sie standen zumindest den Frauen im Westen nicht nach und waren äußerst stylish und sehr aufgebrezelt. Die Texte sind teilweise haarsträubend. So war es völlig normal, wenn eine sang, dass sie ein Opfer sei und umgebracht werden dürfe oder eine andere, dass sie so unglücklich und alleine sei, sodass sie nur sterben möchte … Ziemlich extrem, haarsträubend, gleichzeitig verrückt und manchmal auch lustig. Ich glaube, dass eine Helene Fischer da nicht mithalten kann, was das Drama angeht. So leiden und darin aufgehen können nur Jugo-Frauen.

 

Interessant, dass bis heute ihre Musik von Jung und Alt gesungen wird. Sie scheinen wohl alles richtig gemacht zu haben?

Heute gibt es so viele Sängerinnen in Ex-Jugoslawien dass man kaum einen Überblick hat. Vieles ist sehr trashig, doch die alten Kult-Sängerinnen aus den Achtzigern kennt einfach jeder. Von Jung bis Alt. Und es wird keine Gelegenheit ausgelassen, in der bis zur späten Stunde diese Musik läuft, in der man sich verliert, weint oder einfach nur abdreht … Und in den Morgenstunden ist diese Art von Musik auch keinem mehr peinlich.

 

Welche der Damen hat Dich am meisten beeindruckt?

Ich würde sagen, dass in den Achtzigern zwei Sängerinnen namens Vesna Zmijanac und Lepa Brena besonders in Konkurrenz standen. Ich war immer ein großer Fan von Vesna. Sie litt auf höchstem Niveau und sah unglaublich gut aus. Vielleicht hat mich das auch unterbewusst bewegt, Modefotograf zu werden … Ich denke, dass alle von ihnen für eine Zeit stehen, die an Jugoslawien erinnert. Wenn man diese Musik hört, katapultiert man sich gleichzeitig zurück. Für mich stehen diese Frauen für ein schönes Jugoslawien und deswegen habe ich sie in meinem Projekt auch MISS YUNIVERSE genannt.

 

Foto: Miljana Nikovic

Foto: Miljana Nikovic


Boris Kralj wuchs als Kind jugoslawischer Gastarbeiter in Deutschland auf. Heute lebt er in Berlin und arbeitet als Modefotograf.

http://www.boriskralj.de

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