Klares Wasser, Schluchten, unberührte Natur – Rafting auf der Neretva

Foto: komm-entdecke-bosnien.info

Rafting auf dem smaragdgrünen Fluss Neretva (Foto: komm-entdecke-bosnien.info)

„Morgen geht es um Viertel vor Acht in der Früh los und wir bringen Dich zum Rafting“, eröffnet mir freudestrahlend Amel Salihbasić, Autor vom bosnisch-herzegowinischen Reiseführer „Komm, entdecke, erzähle weiter …“. Ich musste zuerst etwas schlucken. Wir hatten schon länger geplant, zusammen was zu unternehmen, doch ich wollte in die Berge. „Ach, wandern gehen wir nächstes Mal, jetzt musst Du was Aussergewöhnliches erleben! Und die Natur ist der Wahnsinn!“ Mag ja sein, aber gleich so ein Abenteuer wagen? „Oh, ich denke, das ist mir zu schnell“, erwiderte ich, in der Hoffnung, dass er sich noch umstimmen lassen würde. Seine Frau Hana beruhigt mich mit ihrer sanften Stimme: „Mach Dir keine Sorgen, das ist nicht so schnell. Ich war auch schon ein paar Mal mit dabei. Und wenn Kinder von sieben Jahren mitfahren, dann wirst Du es auch schaffen. Amel hat Recht – Rafting auf der Neretva ist definitiv eine gute Wahl.“

Der Fluss Neretva (Foto: balkanblogger)

Der Fluss Neretva (Foto: balkanblogger)

Also fuhren wir von Sarajevo Richtung Mostar. Etwa eine Stunde dauert die 40 Kilometer lange Fahrt bis zum Ort Konjic am Fluss Neretva. Auch wenn es bei unserer Ankunft regnet, ist es hier in der Gegend wärmer und das Klima mediterraner. „Bei Regen ist es nicht so schön, den Tag auf dem Fluss zu verbringen, aber wir warten mal ab“, sagt Amel. Ich stehe diesem Abenteuer immer noch kritisch gegenüber, doch nun hat mich die Lust gepackt. Und die steigert sich, als wir zum Camp Neretva Rafting Đajića Buk ankommen: direkt am Ufer gelegen sitzt man auf der Terrasse und blickt auf das glasklare Wasser, das tosend vorbeifliesst, während sich feine Wasserperlen auf dem Gesicht niederlassen. Der Regen hat auch schon aufgehört und die leicht grauen Wolken können der Schönheit der Landschaft nichts anhaben.

Welcome to the camp Dzajica buk! (Foto: balkanblogger)

Welcome to the camp Dzajica Buk! (Foto: balkanblogger)

Von der Terrasse aus geniesst man einen wundervollen Blick auf das den Fluss (Foto: balkanblogger)

Von der Terrasse aus geniesst man einen wundervollen Blick auf den Fluss (Foto: balkanblogger)

Bevor es losgeht, gibt es Frühstück. „Jetzt müssen wir uns erst mal stärken“, grinst mich Amel an. Mit dabei sind auch sein Freund Alen aus Međugorje und seine beiden Söhne. Serviert werden Uštipci, Art salzige Ausgezogene, mit Kajmak und Marmelade, getrocknetes Fleisch, Käse, gekochte Würstchen. Wir langen kräftig zu, die frische Naturluft macht hungrig. Es schmeckt wie bei der Familie, alles ist frisch und selbst gemacht.

Nichts geht über ein richtiges Frühstück nach Balkanart (Foto: balkanblogger)

Nichts geht über ein richtiges Frühstück nach Balkanart (Foto: balkanblogger)

Dann geht es endlich los. „Das ist Dženan, Euer Skipper, der Euch während der Fahrt betreuen wird“, erklärt uns die Dame des Hauses. Vor uns steht ein blonder hochgewachsener junger Mann, der eine Body eines Models hat mit einem wahrscheinlichen BMI-Wert von Minus 10! Wir ziehen uns um und steigen in den Bus, der uns zum Ort Džajići fährt, von wo die Rafting-Tour startet. Die Fahrt geht erst mal weit in die Höhe. Ich bin irritiert – werden wir etwa den Fluss runtersausen, wie auf einer Rutsche? Ich hoffe nicht. Ein mulmiges Gefühl breitet sich aus, ich habe schon Bilder im Kopf, wie ich Wasserfälle, ähnlich denen in Niagara, runter katapultiert werde. Abgelenkt von diesen bescheuerten Gedanken werde ich von der Natur, die wir bei der Fahrt passieren. Viele unberührte Wälder, Dörfer mit einigen Häusern und ihren gepflegten Gärten. Alles ist grün und auf der rechten Seite der Strasse klafft das tiefe Tal, durch das die Neretva fliesst. Irgendwann geht die Fahrt wieder nach unten – wir mussten einfach über einen Berg fahren, um zum Ziel zu gelangen.

Unser Skipper Dženan (Foto: neretvarafting.ba)

Unser Skipper Dženan (Foto: neretvarafting.ba)

Zusammen tragen wir die Schlauchboote zum leicht fliessenden Fluss. Die meisten Wolken haben sich verzogen und die Sonnenstrahlen brechen sich am smaragdgrünen klaren Wasser. „Du setzt Dich hinten rechts von mir und paddelst mit“, sagt der Skipper zu mir und reicht mir schon ein Paddel zu. Ich habe keine Ahnung wie das funktioniert, aber der durchtrainierte Body von Dženan lässt mich den inneren Schweinehund überlisten. „Die Fahrt bis zum Stützpunkt dauert etwa vier Stunden und wir müssen vier Adrenalin-Stellen passieren. Ihr Schwierigkeitsgrad steigert sich mit der Reihenfolge“, erklärt Dženan. Ich höre nur Adrenalin und Schwierigkeitsgrad – na toll, das kann heiter werden. Doch ich sitze nun im Boot und da muss ich jetzt durch.

Die Fahrt durch die Schluchten macht Spass! (Foto: neretvarafting.ba)

Die Fahrt durch die Schluchten macht Spass! (Foto: neretvarafting.ba)

Es geht durch tiefe und hohe, durch breite und enge Schluchten. Man hört nichts ausser dem Paddeln und das Zwischen der Vögel, die auch manchmal um uns herum fliegen. Das Wasser ist so klar, dass man bis zum Grund schauen kann. Wir gleiten langsam auf dem Wasser und ich geniesse die Fahrt. Manchmal begegnen wir Anglern, die an den Felsen sitzen. „Wie kommen die dahin?“ frage ich. „Sie klettern den Weg runter und bleiben hier einige Tage. Der beschwerliche Weg würde sich für einen Tag nicht lohnen“, erklärt Dženan.

„Na, was habe ich Dir gesagt, der Anblick der Natur wird dich sprachlos machen“, lacht Amel. Ich war so konzentriert, all die wundervollen Eindrücke auf mich wirken zu lassen, dass ich alles um mich herum vergass. Ich muss mit großen Augen und offenen Mund da gesessen sein. Nur das Paddeln habe ich nicht vergessen. Unter dem strengen Auge von Dženan traute ich mich nicht schlapp zu machen. „Ihr müsst paddeln, sonst wird das hier nichts“, mussten wir uns öfter mal anhören.

Niemals das Paddeln vergessen! (Foto: http://neretvarafting.ba)

Niemals das Paddeln vergessen! (Foto: http://neretvarafting.ba)

Dann kam die erste Adrenalin-Station. Es ging tatsächlich schneller durch hohe Felsen. Wir mussten in die richtige Richtung paddeln, damit wir nicht irgendwo am Felsen festhängen bleiben. Das war in der Tat abenteuerlich! Danach ging es wieder gemächlich zu. „Wenn ich gewusst hätte, dass die Fahrt so gechillt ist, dann hätte ich mir eine kleine Flasche Wasser mitgenommen“, sagte ich durstig. „Wieso denn, hier ist doch genug Wasser“, grinste mich Dženan an, „wenn Du Durst hast, nur zu“, und nickte mit dem Kopf Richtung Fluss. „Welches Wasser? Du meinst doch nicht den Fluss selbst?“ Ich dachte er würde Witze machen. „Du schöpfst einfach das Wasser aus dem Fluss und trinkst es. Das ist kein Witz. Es ist absolut rein.“ Ich tat es. Und wurde belohnt. Es schmeckte hervorragend! Wir kamen an einem hohen Felsen vorbei und machten dort Halt. Dženan und seine Kollegen vollführten elegant Kopfsprünge und einige machten es ihnen nach.

Die Springer von Konjic (Foto: neretvarafting.ba)

Die Springer von Konjic (Foto: neretvarafting.ba)

Danach ging es weiter bis zu der Stelle, wo der Fluss Rakitnica auf die Neretva trifft. Dieser Fluss ist so ganz anders. Sehr flach, und in der Sonne scheint er gelb. Das Wasser ist auch hier rein und man erkennt jeden einzelnen Stein. Dženan zeigt mir einen Flusskrebs, die es hier zuhauf gibt und typisch sind. „Es gibt viele tierische Bewohner hier, die nur im sauberen Gewässer überleben können. Solange sie hier sind, ist alles in Ordnung“, erklärt mir unser Skipper. Dženan erzählt uns, wie vor einigen Jahren ein Wasserkraftwerk hier geplant war. Die Bevölkerung aus ganz Bosnien-Herzegowina hatte sich mobilisiert und dagegen gekämpft. Der Bau hätte nicht nur das Bild der Gegend verschandelt, sondern auch der Natur geschadet. Sie hatten es tatsächlich geschafft, den Bau zu verhindern. Der aus Konjic stammende Schüler raftet, seit er fünf ist, und verdient sich als Skipper sein Taschengeld. Das wäre nach dem Bau nicht mehr möglich gewesen.

Der Fluss Rakitnica ist berühmt für seine gelbe Farbe (Foto: neretvarafting.ba)

Der Fluss Rakitnica ist berühmt für seine gelbe Farbe (Foto: Foto: komm-entdecke-bosnien.info)

Die restlichen drei Adrenalin-Stationen waren schnell und abenteuerlich. Auch hier musste durch schnelles Paddeln versucht werden, die richtige Stelle des tosenden Wassers abzufangen, um heil durch die engen Schluchten zu kommen. Dazwischen wurden wir von kleinen Wasserfällen flankiert, die aus den Felsen flossen. Neben uns paddelte ganz stolz eine Gruppe aus Slowenien, die uns mit erhobenen Kopf überholte. Es sollte sehr professionell aussehen und sie belächelten unseren gemütlichen Balkanstyle von der Seite. Irgendwann müssen wir sie überholt haben, nachdem sie eine Pause bei einer dieser Wasserfälle hineinlegten. Der größte Adrenalin-Kick war tatsächlich an der letzten schnellen Stelle zu spüren. Zum schnellen Wasser kam noch ein kleiner Wasserfall hinzu. Um den erfolgreich zu schaffen, war schnelle und gute Zusammenarbeit erforderlich. Dženan rief laut und animierte uns zum schnellen Paddeln: „Der ist gut … Perfekt … das wird gut klappen … GUT GEMACHT!“ Wir waren durch, alle saßen im Boot und wir liessen uns glücklich und erleichtert von der restlichen Strömung tragen.

Kleine Wasserfälle säumen den Weg (Foto: neretvarafting.ba)

Kleine Wasserfälle säumen den Weg (Foto: neretvarafting.ba)

Nach uns kamen die Slowenen. Dženan stieg aus dem Boot, um ein paar Fotos von den nachfolgenden Schlauchbooten zu machen. Wir saßen in naher Entfernung und sahen zu. Alen rauchte glücklich eine Zigarette neben mir. Warum auch immer, die slowenische Truppe blieb mitten auf der Strömung an einem Felsen hängen und konnten weder vorwärts noch rückwärts. Alen und ich sahen uns kurz an: „Sind das die Slowenen, die uns vorher von der Seite arrogant belächelt hatten?“ fragte mich Alen. Ich nickte. Er schaute zu ihnen und grinste: „Schade für die, dass sie den Adrenalin-Kick verpasst haben, aber ich muss gestehen, dass ein wenig Schadenfreude mitspielt.“ Wir lachten. Einige Skipper mussten den Armen helfen, damit sie sich von der Stelle weiter bewegen können. Aus dem dahinter folgenden Boot purzelten einige raus. Aber keine Angst, es ist absolut ungefährlich. Jeder Teilnehmer ist mit Helm und Schwimmweste ausgestattet. Auch sind die schnellen Strömungen recht kurz und so kann man ohne Probleme ans Ufer schwimmen oder sich ins Schlauchboot hieven lassen. Ein Tipp: Lasst Eure Handys in der Station! Es gibt einen Safe, in dem alle wertvollen Sachen sicher aufbewahrt werden können. Auch wenn die Strömungen die meiste Zeit schwach sind, aus der Hand fallen kann das Handy ganz schnell. Einer der Skipper hat immer eine GoPro dabei und sie sind auch nett und fotografieren die von Euch gewünschte Motive.

Die vierte Adrenalin-Station (Foto: komm-entdecke-bosnien.info)

Die vierte Adrenalin-Station (Foto: komm-entdecke-bosnien.info)

Nach etwa vier Stunden kamen wir in Konjic wieder an. Glücklich und erschöpft zogen wir uns um. Duschen stehen zur Verfügung. Als Belohnung gibt es ein typisches bosnisches Buffet im Freien: unter heissen Kohlen geschmortes Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, Salate, Brot, Pita und, und, und…

Ich bin froh, dass Amel mich zu diesem Abenteuer überredet hat. Es stimmt, hier lernt man die Natur und die Legenden von Bosnien-Herzegowina kennen. Das ist nicht nur für diejenigen interessant, die zum ersten Mal das Land bereisen, sondern auch für Einheimische, die gerne diese Ausflüge nutzen. Für mich ist dieser Ausflug definitiv Prädikat ausgezeichnet!

Dženan erzählte uns die Legende über Konjic und wie dieser Ort entstand. Es ist eine sehr alte Geschichte, doch der Inhalt passt zur heutigen Lage. Merke Dir eines: „Verschmähe niemals einen Menschen, der an Deiner Tür klopft, weil er Hilfe braucht.“  Die ganze Geschichte gibt es in der folgenden Galerie zum Nachlesen.

Die oben beschriebene Tages-Tour kostet 80 KM (ca. 40 €) pro Person, buchbar bei Neretva Rafting Dzajica Buk.

Mehr Tipps für Ausflüge in dieser Gegend finden sich im Reiseführer Komm, entdecke, erzähle weiter … (ab Seite 4)

Großer Dank geht an Amel Salihbasic, der die Reise speziell für Balkanblogger organisiert hat.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.