Hatidža Mehmedović: „… Wenn Du Gott darum bittest, die Gebeine Deiner Liebsten zu finden …“

Hatidza Mehmedovic

Hatidza Mehmedovic

Hatidža Mehmedović hat die Vereinigung „Mütter von Srebrenica“ mit gegründet. Beim Massaker von Srebrenica verlor sie ihren Mann und ihre beiden Söhne. Sie waren damals 17 und 20 Jahre alt. Der bosnischen Journalistin Elma Kazagić erzählte sie ihre tragische Geschichte.2002 kehrte sie wieder nach Vidikovac bei Srebrenica zurück. Heute lebt sie wieder in ihrem Haus – allein.

Hatidža Mehmetović mit den einzigen Fotos, die sie von ihren Söhnen und ihrem Mann noch hat (Foto: Elma Kazagić)

Hatidža Mehmetović mit den einzigen Fotos, die sie von ihren Söhnen und ihrem Mann noch hat (Foto: Elma Kazagić)

Der Angriff auf Srebrenica begann vor dem 11. Juli. Srebrenica war erschöpft von der jahrelangen Belagerung. Wir waren hungrig und hoffnungslos. Am Morgen gegen 10.00 Uhr des 11. Juli 1995 kam mein älterer Sohn zu mir und sagte: „Mama, falls Du hören solltest, dass die Stadt gefallen ist, dann flüchte mit Lalo (Spitzname meines jüngeren Sohnes) und Vater nach Potočari zu UNPROFOR. Dieser Befehl hat uns erreicht: die älteren Personen, Mütter und Kinder sollen na Potočari gehen und diejenigen, die genug Kraft haben, sollen durch die Wälder und über die Berge flüchten, um sicheres Territorium zu erreichen.

Am Mittag sahen wir Flüchtlingskolonnen ins sechs Kilometer entfernte Potočari an unserem Haus vorbeiziehen. Der Belagerungsring der Serben zog sich immer enger. Wir warteten darauf, dass uns jemand hilft; dass die NATO die serbischen Truppen angreift… Immerhin war Srebrenica eine Sicherheitszone. Doch es passierte nichts.

Um Punkt 19.15 Uhr hörten wir auf Radio Srebrenica, dass sich die Lage normalisiert habe. Aber das war nicht die Stimme unseres Nachrichtensprechers Dino. Wir begriffen sofort, dass die Serben den Sender besetzt hatten, dass die gesamte UN-Schutzzone Srebrenica gefallen war. Die Kinder waren still, mein Mann Abdulah schwieg, ich hatte Angst um meine Kinder.

Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Mein Mann Abdulah, meine beiden Söhne Azmir und Almir, der eine 20, der andere 17 Jahre alt, und ich schlossen uns einem der vielen Flüchtlingsströme an. Wir erreichten die Brestova-Ebene zwischen Srebrenica und der Schutzzone Tuzla. Hier trennten sich die meisten Familien. Welche für immer, so wie ich. Nur zu diesem Zeitpunkt wussten wir es nicht. Die Frauen und Kinder flohen zum nahen UN-Sitz Potočari, die Männer und Jungen zogen weiter zu den Blauhelmen nach Tuzla. Sie wären in Potočari nicht aufgenommen worden. Eine unübersichtliche Menge war hier versammelt, die laut weinte. Wir trennten uns. Nur für zwei oder drei Tage, dachten wir. Bis unsere Kinder das sichere Gebiet in Tuzla erreichen würden. Und dann waren da noch die Sorgen. Werden sie es schaffen? Sie würden hungrig und durstig sein. Ich hatte nur etwas Wasser und Brot bei mir. Damals wussten wir nicht, dass wir uns nie mehr sehen würden. So erging es hunderten Familien auf diesem Platz.

Mein jüngerer Sohn umarmte mich und sagte: „Mama, bitte geh nach Potočari, Du weißt, dass Du lange nicht laufen kannst. Du kannst hinfallen, müde werden. Was sollen wir dann tun? Bitte, geh, Mama!“ Seine feste Umarmung, seine Arme … Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Mein liebes Kind … (weint).

Die Nacht kam langsam. Man hörte Detonationen auf Srebrenica. Mütter ließen leise ihre Tränen laufen, Kinder schluchzten. Am schlimmsten war es Männer weinen zu sehen. Mein jüngster Sohn wich mir all die Zeit nicht von der Seite, wir standen umarmt da. Als die Zeit zum Abschied kam schob er mich sanft von sich weg, legte seine Hände auf mein Gesicht und sagte weinend, dass ich nun gehen müsste.

Ich ging. Traurig winkten mir meine drei nach. Meine Schritte fielen mir schwer, ich wollte ihnen noch viel sagen, doch es war keine Zeit mehr übrig. Als wir in Potočari ankamen, erblickte ich unendliche Menschenkolonnen. Unzählige Menschen, die meisten von ihnen auf dem Fabrikgelände. Ich wünschte, mein Mann und meine Kinder wären bei mir gewesen. Später begriff ich, dass sie dasselbe Schicksal ereilt hätte.

Den ganzen Tag über strömten Menschen in die Schutzzone. Ich dachte all die Zeit an meine Kinder. Ich vergaß an meine restlichen Verwandten zu denken, Brüder, Vater, Mutter … Meine Schwiegermutter traf ich in Potočari. Wir versuchten zu schlafen – auf dem Asphalt, Gras, Erde … Doch es klappte nicht.

Am nächsten Morgen saß ich neben meiner Schwiegermutter. Wir waren getrennt durch einen Drahtzaun von den holländischen Blauhelmsoldaten, die uns hätten schützen sollen. Sie unterhielten sich und lachten. Ich wunderte mich, dass die meisten von ihnen nur Shorts und T-Shirts trugen. Später hat man uns erzählt, dass die Serben ihnen die Uniformen abgenommen hatten. Emina, eine junge Übersetzerin aus Srebrenica fragte ich, was denn hier von sich ginge. Sie sagte zu mir: „Nichts Tante Điđo (mein Spitzname). Alles ist in Ordnung.“ Sie konnte nichts sagen, da die UN-Blauhelme neben ihr standen. Meine Schweigermutter sagte zu mir: „Hier stimmt was nicht, etwas Komisches passiert hier. Die Menschen sind unruhig, verwirrt. Das ist nicht gut.“ Sie muss es gefühlt haben, denn sie hatte schon einen Krieg überlebt. Ich ging wieder zur jungen Übersetzerin, um sie zu fragen. Sie sagte mir: „Geht hinter das gelbe Band. Für alle, die dort sind, tragen die Vereinten Nationen die Verantwortung.“

Auf einmal waren Serben da. Ich fühlte nichts. Meine Gefühle sind mit meinen Kindern weggegangen. Ich hatte keine Angst, keinen Hunger, keinen Durst. General Mladić stand nur ein paar Meter von mir entfernt. Er sprach in ein Megafon, das Fernsehen filmte. Er raspelte Süßholz, erzählte, er wolle uns nichts anhaben, sagte, dass Busse nach Tuzla gleich kommen würden. An die Kinder verteilte er Schokolade –alles nur für die Kameras. Bald beendete er die Aufnahmen und wandte sich wütend an einen der Kameramänner: „Genug, es reicht! Geh weg!“

Dann kamen die Busse. Dreimal versuchte ich, in einen einzusteigen. Aber ein serbischer Soldat hinderte mich. Auf einmal sagte ein anderer: „Lass sie! Lass sie gehen!“ Immer noch frage ich mich, wer dieser junge Mann war, der mir geholfen hat. Ich bin ihm dankbar. Nicht dafür, dass ich noch am Leben bin. Das empfinde ich als Strafe. Aber er hat mich vor großem Leid bewahrt, denn viele unserer Frauen wurden vergewaltigt und viele nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab. Ich erinnere mich, dass bei jedem Bus jeweils vorne und hinten zwei Soldaten standen, die Menschen von der Schlange aussortierten. Sie haben alles aufgeschrieben. Diese Listen müssten noch irgendwo existieren.

All die Zeit wusste ich nichts über meine Kinder. Ich betete zu Gott, dass ihre Flucht über die Berge und durch die Wälder gelungen ist. Ich machte mir Sorgen, da ich wusste, dass die Flucht entlang der Linie der Četniks erfolgte. Sie haben tausende Menschen vertrieben. Ich selbst war jahrelang vertrieben. Ich war überall in Bosnien. Und täglich wartete ich auf Nachrichten von meinem Mann und meinen Söhnen.

Nur wenige haben den Marsch entlang der serbischen Linien überstanden. Tausende haben ihre Knochen in den Bergen gelassen. Die Serben haben unsere Männer entweder gleich im Wald umgebracht oder etwas später und dann in Massengräber geworfen.

Ich wartete auf die Meinen … Aber sie kamen nicht.

Im Oktober 2002 bin ich in unser Haus zurückgekehrt. Das war mein größter Wunsch da ich dachte, dass meine Familie nicht wüsste, wo ich all die Zeit war. Ich dachte, sie würden kommen. Mittlerweile wohnten hier Serben, die sich anfangs weigerten, das Haus zu verlassen. Meine Nachbarn erzählten mir, dass sich in der Nacht meiner Heimkehr auf meinem Balkon drei Tauben niedergelassen hätten. Drei Tauben – wie meine drei Tauben.

Ich nahm selbst alles in die Hand und gründete eine Vereinigung der zurückgekehrten Frauen, die „Mütter von Srebrenica“. Ich beschäftigte mich mit allem Möglichen, nur um nicht die ganze Zeit an meine Familie denken zu müssen. Ich besuchte Friedhöfe, sah Kinderschädel, Skelette von Frauen und Männern. Immer noch hoffte ich, dass die Meinen lebten. Eines Tages hörte ich meinen Sohn Almir. Er rief: „Mama!“ Ich lief zur Treppe, auf der er so gerne gespielt hatte. Aber mein Lalo war nicht da.

Kurz darauf bekam ich einen Anruf aus Tuzla. Es war der 13. November 2007. Ein Bekannter meldete sich: „Wir haben Dein totes Kind gefunden.“ Ich weinte und weinte. Kurz darauf wurde auch mein Mann gefunden. Oder das, was von ihm übrig war: drei Knochen in einem Massengrab. Mein Kind hatten sie komplett gefunden, unbekleidet und auch einem Massengrab. Ich weiß nicht, ob es Azmir oder Almir ist. Sie waren beide gleich groß. Den Dritten aus meiner Familie suche ich noch.

Das ist mein Leben. Ich reise von einem Massengrab zum anderen in der Hoffnung, seine Liebsten zu finden. Was ist das für ein Leben, wenn Du Gott darum bittest, Gebeine zu finden! Auf dass sie komplett sind und Du sie zur Letzten Ruhe betten kannst!

Viele sind inzwischen wieder nach Srebrenica zurückgekehrt. Die Stadt lebt wieder. Es leben auch Serben wieder hier. Doch es ist allen klar, dass jeden Juli Srebrenica leidet. Hier lebt man im Juli anders. In diesem Monat versinkt die Stadt seitdem in Trauer. Dann sind die Menschen hier betrübt und traurig.

Am 11. Juli stürmten serbische Milizen die UN-Schutzzone Srebrenica. In Anwesenheit der niederländischen UN-Blauhelme wurden mehr als 8000 Muslime, darunter auch Minderjährige, von den Serben getötet und in Massengräbern verscharrt. Frauen wurden in Vergewaltigungslager gebracht. Bis heute, 20 Jahre später, sind immer noch nicht alle Opfer gefunden und identifiziert. Das Massaker von Srebrenica gilt als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europas Geschichte. Die Verantwortlichen Ratko Mladić und Radovan Karadžić sind heute im UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

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