Sandra Gugić – "Astronauten"

Gott ist ein Astronaut! In uns allen ist Gott, wir sind Gott und energetisch miteinander verbunden. Unsere Gedanken können Schwingungen erzeugen und Geschehnisse beeinflussen. Wir können noch so unterschiedlich sein, wir sind miteinander verbunden.

So ist es auch bei den sechs Protagonisten in Sandra Gugićs neuem Roman „Astronauten“. Sie unterscheiden sich – in ihrer Denkweise, im Alter, im Lebenswandel, im Familienstand. Nur eines ist ihnen gemeinsam – sie alle haben einen Migrationshintergrund. Schreckliches Wort – ein düsteres Wort, das die multikulturelle Gemeinschaft spaltet. Dabei denken und fühlen sie wie ihre einheimischen Mitbürger. Was ist eigentlich einheimisch? Es gibt keinen Unterschied, wir alle sind Menschen aus Fleisch und Blut und Knochen. Das drückt die Autorin wunderbar aus, ohne mit einem einzigen Wort darauf einzugehen.

Sechs Menschen, die an einem Sommer in einer großen Stadt miteinander verbunden sind. Sie haben Probleme, Ängste, Bedenken. Haben sie alles richtig gemacht? Warum muss ein hoch intelligenter Mensch wie Alen, sein Geld mit Taxifahrten verdienen? „Vielleicht sind wir nicht hier, sind nur Moleküle, die sich irgendwo neu zusammensetzen …“ Wir hinterfragen nicht unser Inneres, wir leben, wie uns vorgeschrieben wird – von der Gesellschaft, von der Politik.

Vielleicht werden wir irgendwann eingeengt und dann schiessen wir wie Zeno mit einem Luftgewehr auf Tiere, um Dampf abzulassen. „Der Sommer ist ein Arschloch ...“ Ist er, sein Vater will ihn loswerden, betrafen, denn er hält sich nicht an seine Regeln. Doch was sind Regeln? Müssen wir alle gleich sein? Was ist normal und was nicht?

So wie Mara. Sie fickt den erfahrenen Alen, den intellektuellen Taxifahrer, und dessen Sohn, den unerfahrenen Darko, der in sie verliebt ist. Eine Kamera ist immer mit dabei. Es ist die ihres Vaters. Er gab sich die Kugel, schied aus dem Leben. Sein Astronautenleben auf Erden hat er vermasselt. Die Künstlertochter hat nun ihre verrückte Mutter an der Backe. Ja, Ficken tut gut. Die therapeutischen Sitzungen nicht.

Niko, der junge Polizist und Freund von Alen, hat Frau und Kleinkind. Schläft er mit seiner Sasha noch gerne? Selektive Wahrnehmung – das Filtern vom Gehörten und Gesehenen – wir hören und sehen, was wir wollen. Ist das verkehrt?  Niko fragt sich, ob eine Beziehung mit Sasha gut ist. Ob ein Kind gut ist? Was ist Familienleben? Immerhin hat er ein hübsche Frau. Es ist sein Frau! Ist es das, was er will? Sogar mit Alen hat er sich nicht mehr viel zu erzählen. Aber sie mögen sich. Reden eigentlich Astronauten viel?

Bei Alex, einem Sohn aus gutem Hause, ist bei der Erziehung alles falsch gelaufen. Zuviel Liebe einer Mutter? Zuviel Anspruch seitens des Vaters? Er flüchtet sich in Drogen und hält sich mit kleinen kriminellen Taten über Wasser. Mit Darko versteht er sich. Doch tut er Darko gut?

Komplexität in den Beziehungen. Komplex ist die Schreibkunst der Autorin. Ich hasse es, dass ich teilweise nicht mitkomme, bin aber neugierig, was noch kommen könnte. Ich kann das Buch nicht aus den Händen lassen, bis ich nicht zu der Passage komme, die mich und meine Gedanken befriedigt. Einfach geschrieben und doch so sensationell kompliziert. Jede Passage ist einem Protagonisten gewidmet. In Ich-Form. Der Leser hört ihm zu, verliert sich in seinen Gedanken, findet sich wieder. Es ist ein einfaches Spiel mit der Sprache. Doch man muss diesen einfachen Trick entdecken. Die Suche erweist sich als spannend und fesselnd. Der Sommer ist ein Arschloch! Mag sein. Das Buch von Sandra Gugić könnte ihn retten. Und die Astronauten, die holen wir mit unseren Gedanken auf die Erde zurück. Danke Sandra Gugić für dieses wundervolle Buch!

Sandra Gugić (Foto: Dirk Skiba)

Sandra Gugić (Foto: Dirk Skiba)

Sandra Gugić, 1976 in Wien geboren, lebt als freie Autorin in Berlin und Wien.

Studium der Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2010/11 Staatsstipendium für Literatur des bm:ukk, 2012 Open Mike Preisträgerin, 2012 Preis der Akademie Graz, 2013 Autorenstipendium der Stadt Wien.

Publikationen in Zeitschriften und Anthologien.

sandragugic.com

„Astronauten“ ist beim Beck Verlag erschienen.

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