Mostar – das Leiden der jungen Nachkriegs-Generation

Ante aus Mostar ist Opfer der ethnisch geteilten Politik in Bosnien-Herzegowina

Ante aus Mostar ist Opfer der ethnisch geteilten Politik in Bosnien-Herzegowina

„… Ich kann anhand der Hautfarbe einen Moslem erkennen. Auch anhand seiner Aussprache, seiner Bewegung, seines T-Shirts. Man sieht es ihm am Gesicht und seiner dunkleren Hautfarbe an. Zumindest hier in Mostar ist es so. Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten ist …“ Das ist nur eine der traurigen Aussagen eines Jugendlichen aus Mostar. Ante besucht das vorletzte Jahr eines Gymnasiums.

Mostar mit seiner Alten Brücke ist weltweit bekannt (Foto: balkanblogger)

Mostar mit seiner Alten Brücke ist weltweit bekannt (Foto: balkanblogger)

Mostar ist weltberühmt für seine Schönheit und reichhaltige Geschichte. Leider ist die ehemals multikulturelle Stadt auch berühmt für seine dauerhafte ethnische Teilung durch den Balkankrieg. Im Osten befindet sich der bosniakische bzw. moslemische, im Westen der kroatische Teil. Genauso findet eine Teilung in Antes Gymnasium statt, das unter dem Projekt „Zwei Schulen unter einem Dach“ bekannt ist. Hier werden Kinder aufgrund ihrer Ethnie getrennt voneinander unterrichtet.

Ada Sokolovic: "Hört auf, uns ethnisch zu trennen." (Foto: Facebook

Ada Sokolovic: „Hört auf, uns ethnisch zu trennen.“ (Foto: Facebook)

In seinem Gymnasium startete Radio Slobodna Evropa in Kooperation mit The National Endowment for Democracy das Projekt „Perspektiva“. Das Thema beschäftigt sich mit Jugendlichen und dem Einfluss des Krieges auf sie. „Wir möchten die Öffentlichkeit sensibilisieren auf die Ergebnisse. Kinder werden aufgrund von verschiedenen Bildungsprogrammen nationalistisch geteilt. Dadurch isolieren sich die ethnischen Gruppen voneinander. Sie wachsen mit Vorurteilen auf und vertreten radikale Bilder“, erklärt die zuständige Redakteurin Ada Sokolovic. „Die Jugendlichen haben erzählt, wie sie empfinden und man darf sie dafür nicht verurteilen. Sie redeten ohne Druck und waren mutig, über ihre Empfindungen zu reden. Diese Meinung, die sie vertreten. kommt nicht von ihnen selbst. Sie entsteht auf Druck der Gesellschaft und durch die ältere Generation.“

Selma: "Die Teilung wird durch das Elternhaus geprägt."

Selma: „Die Teilung wird durch das Elternhaus geprägt.“

Gymnasiastin Selma, kommt aus einer bosniakisch-kroatischen Familie: „Im Mostar existiert eine unsichtbare Grenze, die wir jungen Menschen versuchen einzureißen. Doch das gelingt uns leider nicht. Ich habe das Gefühl, dass alles aus familiären Kreisen beeinflusst wird. Es hängt davon ab, in welcher Familie man aufwächst. Die Eltern bringen den Kindern die Teilung bei. Wenn Dir Deine Eltern von Anfang an beibringen, dass es keine Teilung gibt und der Krieg vorbei ist, dann wirst Du unter den Menschen keinen Unterschied machen. Ich selbst stamme aus einer gemischten Ehe. Daher wird bei uns sowohl Bayram als auch Weihnachten gefeiert. Die Religion, von der alle reden, ist keine Religion. Wenn ein Mensch wirklich religiös ist, wird er nicht verurteilen.“ Auch Lejla zeigt, dass die jeweilige Meinung der Kinder von der Erziehung durch ihre Eltern abhängt: „Meine Eltern waren während des Krieges hier und haben überlebt. Dennoch haben sie die Grenze überschritten und bringen uns Kindern bei, dass es verschiedene Religionen und Kulturen gibt, die man zu respektieren hat. Nicht alle Menschen können gleich sein.“ Die Meinung der Gymnasiastin Nina aus dem westlichen Teil der Stadt beweist die Zwiespältigkeit, mit denen viele Jugendliche unfreiwillig leben müssen: „Leider sind wir nicht alle gleich. Dabei sollten wir nicht in der Vergangenheit leben. Es leben diejenigen in Vergangenheit, die den Krieg erlebt haben. Wir sind die Nachkriegsgeneration.“

Barbara: "Ich respektiere alle, will aber dennoch mit denen von der anderen Seite nichts zu tun haben."

Barbara: „Ich respektiere alle, will aber dennoch mit denen von der anderen Seite nichts zu tun haben.“

Die überzeugte Kroatin Barbara widerspricht ihr: „Ich habe zwei Freundinnen, die auf die andere Seite gehen und auch Freunde anderen Glaubens haben. Das finden wir in der Klasse nicht gut. Sie werden von unserer Seite abgestoßen. Ich bin gegen eine Mischehe. Meine Eltern hassen niemanden, aber sie sagen zu mir, ich sollte mich von denen fernhalten (d.h. Bosniaken). Ich habe Angst vor ihnen und fühle mich bei ihnen nicht wohl.“

Luka: "Die Kroaten und Bosniaken werden sich nicht vertragen können."

Luka: „Die Kroaten und Bosniaken werden sich nicht vertragen können.“

Luka stimmt Barbara zu und zeigt, wie sehr sich diese Teilung auf sein zukünftiges Leben auswirkt: „Das Verhältnis zwischen Kroaten und Bosniaken kann nicht verbessert werden. Dieser Krieg und der damit verbundene Hass stecken zu tief drin. Ein Mädchen sagte, dass wir keine Angst haben sollten. Es wird uns nichts passieren. Das stimmt nicht. Es findet sich immer ein Idiot, der uns umbringen kann. Ich hoffe, dass ich mal einen Beruf im kroatischen Teil in Mostar bekomme. Falls nicht, muss ich mich daran gewöhnen, dass es ein Job im anderen Teil sein wird. Oder im bosniakischen Teil in Sarajevo. Es werden mich dort einige nicht lieben aufgrund meiner Herkunft.“

Amila: "Nach zehn Jahren wollten sie nichts mehr mit uns zu tun haben."

Amila: „Nach zehn Jahren wollten sie nichts mehr mit uns zu tun haben.“

Dass solche Aussagen verletzen können, erzählt Amila. Sie ist Moslemin und somit eine Bosniakin. Das letzte Wort kann sie kaum aussprechen. Es zeigt die Absurdität der ethnischen Teilung, der sich die Kinder unterwerfen müssen: „Leben in Mostar ist im Vergleich zu anderen Städten etwas besonderes. Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen keine Vorurteile. Vorurteile kommen durch das Leben und durch die Erziehung aus dem Haus. Ich bin Moslemin, also Bosniakin und meine besten Freunde waren Kroaten. Von einem Tag auf den anderen war den Kontakt nicht mehr da, sie haben uns abgestoßen. Nur aufgrund der Religion. Ich war damals 10 Jahre alt.“ Sie beginnt an zu weinen und bricht das Interview ab.

Anesa: "Es sind eher die Männer, die eine ethnische Teilung befürworten."

Anesa: „Es sind eher die Männer, die eine ethnische Teilung befürworten.“

Anesa bringt es auf den Punkt: „Wir sind alle Mostar. Wir sind alle eins und gleichberechtigt. Wir junge Frauen sind größtenteils tolerant. Es sind eher die Männer, die den Konflikt suchen. Auch was die Liebe anbelangt, mache ich keinen Unterschied. Natürlich muss der männliche Part auch tolerant sein.“

Matija: "Kinder aus gemischten Ehen sind besser."

Matija: „Kinder aus gemischten Ehen sind besser.“

Matija beweist, dass nicht alle Männer so sind, wie Anesa sie beschrieb. Er erklärt: „Für diese Probleme sind vor allen die Religionen verantwortlich. Kinder aus gemischten Ehen können stolz auf sich sein, weil sie beide Kulturen kennen und schätzen. Das sind für mich die besseren Menschen, weil sie Respekt vor allen haben.“ Der Schüler Ali, dessen Familie aus der Türkei stammt und vor zwanzig Jahren nach Bosnien-Herzegowina kam, äußerte seinen Wunsch für ein friedliches Zusammenleben: „Ursprünglich komme ich aus der Türkei. Mostar hat so viele Brücken, die uns eigentlich verbinden sollten, aber sie verbinden Hass. Wir sollten uns annähern und nicht entfernen. Der Krieg ist seit zwanzig Jahren vorbei. Die Wunden bleiben, aber sie sollen verheilen und nicht all die Zeit mit Salz bestreut werden.“ Auch der überzeugte Kroate Luka gibt sich friedlich: „Wir dürfen nicht die nachfolgenden Generationen hassen. Sie haben nicht den Krieg geführt. Sie können nichts dafür, was ihre Vorfahren gemacht haben.“ „Die Jugendlichen sind sehr offen für Veränderungen und diese Pointe ist sehr wichtig bei diesem Projekt“, erklärt die Redakteurin Sokolovic die tröstlichen Aussagen und hoffnungsvollen Meinungen der Jugendlichen. „Unser Ziel ist es, dass sich die Jugendlichen annähern und gegenseitig kennenlernen. Sie sollen miteinander reden. Dadurch können sie erkennen, dass sie alle mit denselben Problemen eines jungen Heranwachsenden zu kämpfen haben, ein ähnliches Leben haben und nichts existiert, um eine Trennung zu befürworten. Sie sollen merken, dass keine Gründe für Hass und Angst existieren.“ Ante machte eine weitere beunruhigte Aussage: „Ich war noch nie auf der Alten Brücke in Mostar, auch wenn ich vor hier komme. Die ganze Welt kennt die Alte Brücke und ich als Mostarac war noch nie dort, weil ich nicht darf.“ Ante trifft keine Schuld. Der negative Einfluss durch die Eltern und das ethnisch geteilte Bildungssystem nahm dem Jugendlichen ein freies Aufwachsen. Er wurde der Freiheit beraubt, seine Geburtsstadt kennenzulernen und zu lieben. Ante ist ein Synonym für viele Jugendliche und jungen Heranwachsenden in Bosnien-Herzegowina.

Ante besucht die Alte Brücke zum ersten Mal: "Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe."

Ante besucht die Alte Brücke zum ersten Mal: „Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.“

Doch Ante nahm nach diesen offenen Gesprächen den Mut zusammen und besuchte zum ersten Mal die Altstadt von Mostar. Wahrscheinlich ist er erleichtert, als er zum ersten Mal die Alte Brücke betritt und über die Neretva blickt. Er sitzt in einem Café, bestellt einen Espresso und blickt auf die Brücke: „Wir jungen wollen diese Konflikte nicht. Die Grenze kann sicherlich gelöst werden, allerdings nicht in naher Zukunft. Der Krieg ist erst 20 Jahre her und ein Großteil der Bevölkerung hat ihn erlebt. Da ist Hass entstanden. Wir Kinder haben ihn nicht erlebt, aber unsere Eltern projizieren den Hass auf uns, sowohl auf der bosniakischen als auch auf der kroatischen Seite. Wahrscheinlich wird dieser Hass nicht mehr auf unsere Kinder übergehen. Was den Hass eindämmen könnte sind Jobs und Schulen wie das Alte Gymnasium in Mostar, das gemischt ist. Oder auch Konzerte.“

Ante blickt in eine positive Zukunft

Ante blickt in eine positive Zukunft.

Wünsche eines jungen Menschen, dem nicht erlaubt war, sich frei zu entfalten. Die Bildungspolitik wird sich ändern müssen. Die Redakteurin Ada Sokolovic hofft, „dass das Projekt Zwei Schulen unter einem Dach aufgelöst wird, damit endlich die ethnische und religiöse Teilung aufhört.“ Das Bildungsministerium und die Schule waren über das Projekt benachrichtigt. Vielleicht ist das schon ihr erster Schritt in eine bessere und versöhnliche Zukunft, wie sie sich die Kinder und Jugendlichen innerlich und manchmal auch heimlich wünschen.

Links zu den Sendungen Teil eins bis drei (in Original-Sprache):

http://www.slobodnaevropa.org/media/video/perspektiva-prva-epizoda-mostar/26835252.html http://www.slobodnaevropa.org/media/video/perspektiva-druga-epizoda-mostar/26849554.html http://www.slobodnaevropa.org/media/video/serijal-rse-perspektiva-treca-epizoda-mostar/26861554.html

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5 Antworten

  1. das mädchen selma hat es am besten gesagt: wer wirklich religiös ist, kann keinen anderen hassen

  2. nursadia sagt:

    Traurig was blinder Hass anrichten kann.

  1. 25. November 2015

    […] Balkanblogger Von der Autorin gibt es neben anderen lesenswerten Beiträgen eine hervorragende Reportage aus […]

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